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Wer ist arm? Wer ist reich? Was ist Armut? Und was ist Reichtum?

Vier Fragen, die sich sicherlich viele Mitmenschen unter uns so oder ähnlich bereits einmal stellten, und doch auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten fanden.

Wer ist arm? Von der Weltbank wird diese Frage einer definierbaren Armutsgrenze scheinbar eindeutig beantwortet. Sie legt die Armutsgrenze auf ein Einkommen von durchschnittlich einen Dollar pro Tag fest, was umgerechnet nach dem gegenwärtigen Wechselkurs etwa 0,75 Euro entspricht (Stand 2005). Zieht man nun diesen Wert als Vergleich heran, so könnte leicht der Eindruck entstehen, in Deutschland wäre selbst noch jeder Sozialhilfeempfänger eigentlich ja ein superreicher Mensch.

Und in der Tat, betrachten wir einmal die Realität etwas näher, eigentlich ist es so ja auch irgendwie. Wer muss in Deutschland wirklich und beständig unter Hungererscheinungen leiden? Wer ist durch bzw. in Folge von Naturkatastrophen ernsthaft vom Sterben bedroht? Wer leidet unter einer Mangelversorgung an Trinkwasser?
Für ein Dach über den Kopf, und sei es nur in einem Obdachlosenasyl, sowie dem unbedingt Erforderlichsten an Kleidung, Speisen, Trank, Heizmaterialien und medizinischer Versorgung reicht die Stütze eigentlich und im Allgemeinen geradeso hin.

Doch nehmen wir einmal das Maß der Weltbank zur Hilfe und wenden dieses Maß der Armutsgrenze auf Deutschland an. 0,75 Euro pro Tag mal 365 Tage, Ergebnis geteilt durch zwölf Monde ergibt aufgerundet 23 Euro als Monatsbetrag. Nun wer in Deutschland oder in anderen hochentwickelten europäischen Ländern mit 23 Euro im Monat hinkommen soll, der wird nicht nur auf Kleidung und Obdach verzichten müssen. Der Ärmste könnte selbst als sparsamster Aldieinkäufer nicht sehr viel länger als eine Woche von diesem Betrag seinen Hunger stillen. Irgendwann würde er sicherlich abgemagert zusammen brechen.
Selbst in den einstigen Ostblockländern dürfte sich dieser Wert als kaum ausreichend erweisen. Auch wenn es in dieser östlichen Hälfte Europas um den Wechselkurs noch etwas besser bestellt sein dürfte. So steht einer polnischen Sozialhilfeempfängerin nicht umsonst ein Satz von umgerechnet etwa 80 Euro als monatliches Mindesteinkommen zu. Wobei hier zustehen und zur Verfügung stehen oft zwei paar Schuhe sind. Vor allen in den unterentwickelten Gebieten, wie den polnischen Masuren soll es an der Tagesordnung sein, das Dank leerer öffentlicher Kassen das zustehen Geld oft nicht ausgezahlt werden kann. Am Ende dann nur noch eine Teilsumme den Weg in die Taschen der Bedürftigen findet, bettelnde Kinder sind die Folge. Doch bleiben wir vor unserer Haustür in Deutschland und gehen auch von den Grundsummen nach Harz IV aus, sowie unserer Armutsgrenze.

Armut und Unzufriedenheit begleiten oft einander. Doch Unzufriedenheit entsteht ja nicht, wenn ein ganzes Volk in einer unterentwickelten Region wohnt, und die Unterschiede in dieser Gesellschaft minimal sind. Nehmen wir zum Vergleich unsere Vorfahren und wie sie in grauer Vorzeit lebten. Würden wir alle noch in der Steinzeit leben, so wären wir ganz sicher nicht unbedingt darüber unzufrieden, weil wir nicht unsere Telefonrechnung begleichen könnten. Wir wären auch nicht unzufrieden, wenn wir leider nicht unsere Ratenverpflichtungen für irgendwelche erstandenen Wirtschaftsgüter einhalten könnten. Nein im Gegenteil. Wir würden bereits recht glücklich und zufrieden leben, wenn wir ein ebenso wärmendes Fell als Umhang wie unser Nachbar unser eigen nennen könnten. Würde dann noch erlegtes Wildbrett gleichmäßig verteilt, wie glücklich und zufrieden könnte am wärmenden Lagerfeuer jeder Tag enden..

Nun gelten in der EU Personen mit weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens als relativ arm. Für die BRD ergab sich daraus ein statistischer Durchschnittswert. Dieser besagt, wer in Deutschland in den alten Bundesländern über weniger als 730 Euro und in den neuen Bundesländern über weniger als 605 Euro Einkommen verfügt, der lebt unterhalb einer relativen Armutsgrenze. Diesen Grenzwert unterschreiten mittlerweile 13,9 Prozent der Bevölkerung.

Das eigentlich Problem der Armut und der Unzufriedenheit ist hingegen ein anderes. Wem weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung stehen, der gerät ins soziale Abseits. Auch wenn er nicht unter Hunger, Durst oder Kälte leidet, oder auch nicht unter fehlender medizinischer Betreuung, doch dieses soziale Abseits kann vielen Betroffenen jegliche Lebensfreude nehmen.

Armutsgrenze
- eigentlich handelt es sich im Vergleich zu unterentwickelten Ländern nicht um echte Armut. Da ein Mensch jedoch erst dann eine Grundlage für ein befriedigendes und glückliches Leben erhält, wenn er nicht im sozialen Abseits steht, so ist und bleibt es eine soziale Armutsgrenze.

Woran liegt es nun, das die Zahl der Millionäre in einer ähnlichen Kurve steigt, wie die Zahl der unter der Armutsgrenze lebenden fällt? Bleibt an dieser Stelle eine unbeantwortete Frage, hat ein so reiches Land wie Deutschland es nötig 13,9 Prozent seiner Einwohner unter diese sozialen Armutsgrenze fallen zu lassen? Oder können wir diese Frage einfach und eindeutig beantworten?
Gehen wir hier von einem Ja aus, die Antwort würde lauten, die Politik hat auf ganzer Breite versagt ein soziales System zu erhalten und zu vervollkommnen. Man kann sich nun mit dieser Antwort anfreunden oder Einwände vorbringen, sich drehen wie man will, die Antwort ist und bleibt so einfach.

Aus dieser Einfachheit ergibt sich nur eine erneute Frage und diese würde lauten, zu was brauchen wir einen aufgeblähten Staatsapparat, wenn dieser doch kein sozial ausgleichendes System verwalten kann? Ja, doch, wir brauchen einen Staatsapparat, um nicht in Anarchie und  Chaos zu versinken, auch um ein sozial ausgleichendes System in der Marktwirtschaft zu erhalten und zu verwalten. Doch es ist nicht Sache und ausschließliche Angelegenheit der Industrie und Wirtschaft, in Eigenregie ausreichende Zahlen an Arbeitsplätzen zu schaffen, auch wenn dies von einzelnen Politikern gern so als Ausrede in der Argumentation gebraucht wird. Es ist Angelegenheit der Wirtschaftspolitik die Wirtschaft so zu lenken, dass das Volk durch die Wirtschaft über ausreichend Güter und Einkommen verfügt. Denn in der sozialen Marktwirtschaft soll die Wirtschaft eines Staates für das Volk da sein, um das Volk zu ernähren und zu versorgen. Ist jedoch nur ein Teil des Volkes dafür da um die Wirtschaft am Laufen zu halten, so ist es keine soziale Marktwirtschaft mehr, sondern primitivster Kapitalismus, im dem nur der Profit des Kapitalisten zählt.

Schweifen wir zur Untermauerung gedanklich noch einmal in die Steinzeit ab. Stellen wir uns vor, unsere kleine Sippe bestünde aus 3 Frauen und 3 Männern. Jeder kann sich folgendes Szenario sicherlich gut vorstellen. Einer der Männer hatte Erfolg bei der Jagd, die Männer teilen das erlegte Wildbrett auf, die Frauen bereiten es zu.
Nun beschließt einer der Männer eine kleine Neuerung einzuführen. In versammelter Runde spricht er mit dem Rest der Sippe. „Hört zu Freunde, ab morgen werden wir vieles anders machen. Ab morgen werde ich nur noch verwalten wie ein Politiker und einteilen wie ein großer Chef. Dafür steht mir dann auch die Hälfte des erlegten Wildes zu. Die andere Hälfte steht dem glücklichen Jäger und dessen Frau zu. Die restlichen Sippenmitglieder bekommen jedoch auch noch weiterhin soviel zugeteilt, dass sie nicht verhungern müssen. Doch nur wenn wir es ab morgen so handhaben, kann ich mir einen großen Vorrat zulegen, ohne selbst arbeiten zu müssen“.

In der Steinzeit hätte er diese Worte vermutlich kaum ausgesprochen und wäre vom Rest der Sippe gemeinschaftlich erschlagen worden. In der Neuzeit sieht es anders aus, da wird dieses sozialfeindliche Verhalten zuweilen durch ein politisches Märchengebilde bis zur Unkenntlichkeit verklärt.  Wie könnte es ansonsten sein, dass 10 Prozent der Haushalte über 47 Prozent des privaten Vermögens verfügen? Sicher sollte und muss es Differenzierungen geben. Wer viel an Leistungen für die Sozialgemeinschaft erbringt, sollte auch mehr verdienen. Wie groß die unterschiedliche Vergütungspanne dabei sein sollte, das steht auf einem anderen Blatt. Gegenwärtig ist sie jedenfalls wohl zu groß, was letztendlich die sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich zum Ausdruck bringt. Hier wäre die Politik wesentlich mehr gefragt als bisher, um sozial ausgeglichene Lösungen zu finden.

Wer ist reich?
Einfach formuliert, ein Mensch, der vom Einkommen her nicht im sozialen Abseits steht und sich seines inneren Reichtums bewusst wird.
Ein Staat ist reich, wenn er lernt mit seinem größten Reichtum umzugehen und für sich zu gewinnen. Und der Größte Reichtum eines Staates besteht nun einmal aus seinen heranwachsenden Jugendlichen. Geht man davon aus das in der reichen Bundesrepublik Deutschland rund 15 Prozent der Kinder bis 14 Jahre und 19,1 Prozent der Jugendlichen bis 24 Jahre unterhalb der Armutsgrenze leben, so ist Deutschland eigentlich ein sehr armes Land. Nicht arm vom materiellen Werten her, nicht arm vom finanziellen Werten her, doch arm an weitsichtigen Politikern. Ein Erwachsener kann eventuell noch mit seiner Lage umgehen, doch wie verhält es sich mit Kindern und Jugendlichen. Gerade bei ihnen macht sich diese soziale Armutsgrenze in Form von Ausgrenzung verstärkt bemerkbar und wird als Belastung empfunden. Die Spannweite der sozialen Ausgrenzung reicht hierbei von „nicht teilnehmen können“ an schulischen Veranstaltungen, über beengten Wohnverhältnissen, bis zu veralteter und unmoderner Kleidung.

Was ist ein politisches System wert, wenn es einen Teil seiner Jugendlichen zu sozialen Außenseitern macht?

 

 


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